Wer sich für Pilze interessiert, stolpert schnell über Etiketten mit beeindruckenden Angaben: „60 % Polysaccharide“, „stark standardisiert“, „GABA für die Nerven“, „Full Spectrum“ und mehr. Das klingt nach Hightech und Superfood in einem – aber solche Zahlen sagen ohne Kontext erstaunlich wenig aus.
Wenn du Pilze bewusst nutzen willst, geht es vor allem um drei Fragen:
Welche Stoffgruppen stecken überhaupt in Pilzen?
Welche davon sind im Produkt wirklich nachweisbar?
Und wo fängt das Marketing-Märchen an?
Du musst dafür kein Biochemiker sein. Ein paar Grundbegriffe reichen aus, damit du Etiketten und Versprechen viel besser einordnen kannst.
Was steckt grundsätzlich in Vitalpilzen?
Pilze sind keine „magischen“ Wesen, sondern kleine Naturfabriken. Sie bilden eine Reihe von Stoffen, die seit Jahren wissenschaftlich untersucht werden. Besonders wichtig sind vier Gruppen:
1. Polysaccharide – vor allem bestimmte β-Glucane, die typische Bestandteile der Pilzzellwand sind.
2. Triterpene – oft bittere Naturstoffe, zum Beispiel im Reishi und Chaga.
3. Sterole – allen voran Ergosterol, das „Cholesterin der Pilze“ und Vorstufe von Vitamin D₂.
4. Spezialstoffe – je nach Pilz: Hericenone, Hericene, Adenosin, Ergothionein, Inotodiol, Betulinsäure u.v.m.
Diese Stoffe lassen sich im Labor nachweisen. Genau das unterscheidet seriöse Pilzprodukte von reinen „Superfood-Sprüchen“: Es geht weniger um Werbeslogans, sondern darum, ob typische Pilzsubstanzen messbar vorhanden sind.
Polysaccharide: Was β-Glucane sind – und was nicht
„Polysaccharide“ liest man auf fast jedem Pilzprodukt. Das Problem: Der Begriff klingt nach Wirkstoff, ist aber zunächst nur Chemie-Deutsch für: „lange Ketten aus Zuckermolekülen“.
Unter „Polysacchariden“ kann sich verstecken:
– die spannenden β-Glucane aus der Pilzzellwand,
– ganz normale Stärke (z. B. aus Reis oder Hafer),
– Chitin, das Gerüstmaterial der Pilzzellen,
– oder andere Zuckerketten, die ernährungsphysiologisch eher unspektakulär sind.
Für Pilzextrakte sind vor allem die β-1,3/1,6-Glucane interessant. Das sind die typischen Pilz-Polysaccharide, die in der Forschung vor allem im Zusammenhang mit dem Immunsystem untersucht werden.
Der entscheidende Unterschied auf dem Etikett:
„Polysaccharide 50 %“ – sagt praktisch nichts über die Qualität aus.
„β-1,3/1,6-Glucane x %“ – sagt deutlich mehr über den eigentlichen Pilz-Wirkstoff.
Je genauer ein Produkt seine β-Glucane benennt, desto seriöser ist die Aussage. Reine „Polysaccharid-Prozente“ ohne weitere Erklärung sind vor allem: angenehm für das Marketing.
Triterpene: die bitteren Spezialstoffe
Die zweite große Wirkstoffgruppe in Pilzen sind die Triterpene. Sie sind fettähnliche, oft bittere Naturstoffe und werden in Studien unter anderem in Bezug auf Entzündungsprozesse, Leberstoffwechsel und Zellschutz untersucht.
Je nach Pilz gibt es typische Muster:
Reishi enthält charakteristische Triterpene wie Ganodersäuren und Lucidensäuren.
Chaga bringt unter anderem Inotodiol und Betulinsäure mit, letzteres stammt ursprünglich aus der Birkenrinde, auf der Chaga wächst.
Wenn solche Stoffe im Labor im Mikro- bis Milligrammbereich nachweisbar sind, zeigt das: Der Extrakt trägt wirklich das typische chemische „Profil“ des Pilzes – und ist mehr als nur gemahlenes Pulver.
Sterole & andere „Feintuner“: Ergosterol, Hericenone, Ergothionein & Co.
Neben Polysacchariden und Triterpenen gibt es noch eine Reihe von Stoffen, die als Feintuner der Qualität gelten:
Ergosterol ist das wichtigste Pilz-Sterol und eine Vorstufe von Vitamin D₂. Ein nennenswerter Ergosterolgehalt deutet darauf hin, dass tatsächlich viel Pilzmaterial im Extrakt steckt und nicht nur Substrat oder Füllstoff.
Adenosin ist ein Baustein des Energie-Moleküls ATP und kommt z. B. in Reishi und Löwenmähne in messbaren Mengen vor.
Hericenone und Hericene sind typische Verbindungen der Löwenmähne, die im Zusammenhang mit Nerven- und Gehirnfunktionen erforscht werden. Wenn sie im Labor nachweisbar sind, spricht das für einen wirklich pilztypischen Hericium-Extrakt.
Ergothionein ist ein spannender, zellschützender Stoff, für den der Körper eigene Transportmechanismen hat. Shiitake gilt hier als besonders gute Quelle.
Beim Chaga sind wieder Inotodiol und Betulinsäure wichtige Marker, um echten, triterpenreichen Chaga von eher fantasievollen Produkten zu unterscheiden.
Für die meisten dieser Stoffe gibt es keine offiziellen Tagesempfehlungen – aber sie lassen sich analytisch erfassen. Und genau diese Nachweisbarkeit macht ein Pilzprodukt greifbar.
Reishi, Löwenmähne, Shiitake und Chaga im Wirkstoff-Vergleich
Reishi – Polysaccharide trifft Triterpene
Beim Reishi sind vor allem zwei Gruppen entscheidend: β-Glucane und Triterpene.
Ein guter Reishi-Extrakt weist deshalb idealerweise aus:
– einen definierten Anteil an β-1,3/1,6-Glucanen und
– messbare Mengen an Ganodersäuren und ggf. Lucidensäuren.
Dazu kommen häufig Ergosterol und Adenosin als ergänzende Marker. Ein Produkt, das nur mit „Polysacchariden“ wirbt, aber keine β-Glucane und Triterpene konkret benennt, lässt viel Potenzial an Transparenz liegen.
Löwenmähne – Pilz mit Eigenprofil
Die Löwenmähne (Hericium erinaceus) liefert ebenfalls β-Glucane, ist aber vor allem bekannt für: Hericenone und Hericene. Diese Verbindungen werden im Zusammenhang mit dem Nervensystem und kognitiven Funktionen erforscht.
In hochwertigen Löwenmähne-Produkten finden sich:
– ein solider Anteil an β-Glucanen,
– nachweisbare Hericenone/Hericene,
– oft auch Adenosin und etwas Ergosterol.
Gerade hier sind Produkte kritisch zu sehen, die mit riesigen Polysaccharid-Werten werben, aber auf Mycel auf Getreide basieren – ein Teil der Polysaccharide stammt dann schlicht aus der Stärke des Substrats.
Shiitake – Lentinan, Ergosterol & Ergothionein
Shiitake ist besonders durch das β-Glucan Lentinan bekannt. Dazu kommen oft messbare Mengen an Ergosterol und Ergothionein.
Ein seriöses Shiitake-Produkt benennt daher nach Möglichkeit:
– den Anteil an β-Glucanen (ggf. Lentinan) und
– ergänzt dies um Angaben zu Ergosterol und Ergothionein.
Reine „Polysaccharid“-Behauptungen ohne Differenzierung sagen dagegen nur: „Es sind Zuckerketten enthalten“ – aber nicht, welche.
Chaga – Triterpen-Pilz mit niedrigen β-Glucanen
Chaga ist ein Sonderfall. Er ist von Natur aus:
– eher ein Triterpen- und Polyphenol-Pilz
– und kein β-Glucan-Spitzenreiter.
Das bedeutet: niedrige β-Glucanwerte sind bei Chaga völlig normal. Wirklich charakteristisch für Chaga sind Stoffe wie Inotodiol und Betulinsäure.
Produkte, die bei Chaga mit sehr hohen β-Glucan- oder Polysaccharidwerten prahlen (z. B. weit über 10 %), sollte man kritisch betrachten. Oft werden hier alle Zucker inklusive Substrat zusammengezählt, oder es kommen Messmethoden zum Einsatz, die nicht auf Pilz-β-Glucane spezialisiert sind.
Messmethoden: Warum viele Zahlen wacklig sind
Dass so viele widersprüchliche Angaben im Umlauf sind, liegt auch daran, dass es für Heilpilze noch keine einheitlichen Messstandards gibt.
Häufig werden Methoden verwendet, die nur „alles Zuckerartige“ messen. Dabei werden Proben eingefärbt, und je intensiver die Farbe, desto höher der „Polysaccharidwert“ – unabhängig davon, ob es β-Glucane, Stärke aus Reis oder andere Zuckerketten sind.
Für β-Glucane gibt es zwar spezialisiertere Tests, doch viele davon wurden ursprünglich für Getreide entwickelt. Pilz-β-Glucane haben jedoch eine andere Struktur. Werden diese Kits einfach auf Pilze übertragen, können die Ergebnisse deutlich verzerrt sein.
Zusätzlich arbeiten verschiedene Labore mit unterschiedlichen Protokollen und Referenzpunkten. Daher kann dieselbe Probe je nach Labor sehr unterschiedliche Prozentwerte liefern.
Kurz gesagt: Zahlen sind wichtig – aber sie sind nur so gut wie die Methode dahinter. Fehlende Standards machen es einfach, aus Messungen beeindruckende Marketingzahlen zu basteln.
Substrat, Stärke und „Full Spectrum“: Wo Fantasiewerte herkommen
Ein großer Teil der übertriebenen Polysaccharidwerte hat einen eher banalen Ursprung: das Substrat.
Viele Produkte bestehen nicht aus reinem Fruchtkörper-Extrakt, sondern aus Mycel, das auf Getreide gewachsen ist. Wird dieses Ganze später vermahlen, enthält das Endprodukt:
– etwas Pilzmycel,
– aber auch sehr viel Stärke aus Reis, Hafer oder Hirse.
In der Analyse erscheinen diese Kohlenhydrate als „Polysaccharide“ und lassen die Werte in die Höhe schnellen. Auf dem Etikett sieht das nach einem hochkonzentrierten Pilzprodukt aus – in Wahrheit ist ein Teil davon schlicht Getreide.
Auch bei Produkten, die nur ganze Pilze mahlen, ohne sie zu extrahieren, sind die Polysaccharidwerte oft hoch – aufgrund von Chitin und anderen Gerüststoffen, nicht zwingend wegen eines besonders hohen Anteils funktioneller β-Glucane.
Darum gilt: Hohe Polysaccharidwerte sind nicht automatisch positiv. Entscheidend ist, wie viel davon echte β-1,3/1,6-Glucane aus dem Pilz sind – und wie viel einfach Stärke oder andere Füllmasse.
GABA: Warum wir nicht an den „GABA-Pilz“ glauben
Ein weiteres beliebtes Schlagwort ist GABA. GABA ist ein körpereigener Botenstoff im Gehirn, der eher beruhigend wirkt. Der Körper stellt ihn selbst her.
Ja, GABA kann in Lebensmitteln vorkommen – auch in Pilzen. Aber GABA ist kein typischer Leitwirkstoff von Reishi, Löwenmähne oder Chaga. Ob GABA aus Nahrungsergänzung überhaupt dort ankommt, wo es wirken soll (z. B. im Gehirn), ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt.
Die seriösere Sicht ist:
Pilze enthalten Stoffe wie β-Glucane, Triterpene, Hericenone oder Adenosin, die in Studien im Zusammenhang mit Stress, Schlaf, Nerven und innerer Balance untersucht werden. Sie können also das körpereigene GABA-System indirekt beeinflussen – ohne selbst „GABA-Füllstoff“ zu sein.
Wer groß mit „GABA-Pilzen“ wirbt, bewegt sich daher eher im Bereich der Spekulation. Wer auf klar benennbare Pilzsubstanzen setzt, ist näher an der wissenschaftlichen Realität.
Woran du seriöse Produkte erkennst
Du musst kein Labor besitzen, um Pilzprodukte besser einschätzen zu können. Ein paar Fragen reichen oft:
1. Werden β-Glucane klar benannt?
Steht auf dem Etikett ausdrücklich „β-1,3/1,6-Glucane“ – oder nur unscharf „Polysaccharide“?
2. Fruchtkörper-Extrakt oder Mycel auf Getreide?
Wird klar kommuniziert, dass es sich um Fruchtkörper-Extrakt handelt?
Oder ist es ein „Full Spectrum“-Produkt, bei dem viel Substrat mitverarbeitet wurde?
3. Werden typische Marker genannt?
Zum Beispiel:
– Ganodersäuren bei Reishi,
– Hericenone bei Löwenmähne,
– Inotodiol / Betulinsäure bei Chaga,
– Ergosterol / Ergothionein bei Shiitake.
4. Sind die Zahlen plausibel?
Ein Chaga mit angeblich extrem hohen β-Glucanwerten passt meist nicht zur Biologie dieses Pilzes und sollte eher misstrauisch machen.
Je transparenter ein Hersteller erklärt, was er misst und warum, desto besser kannst du die Produkte einordnen. Je vager und lauter die Sprüche, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass hier Marketing wichtiger ist als Analytik.
Fazit: Wirkstoffe verstehen statt Marketing glauben
Heilpilze sind faszinierend – aber nicht, weil sie „magisch“ wären, sondern weil sie ganz konkrete, messbare Naturstoffe enthalten: β-Glucane, Triterpene, Sterole und spezielle Verbindungen wie Hericenone, Inotodiol oder Ergothionein.
Wenn du diese Begriffe einmal grob einordnen kannst, liest du Etiketten mit ganz anderen Augen:
– Hohe Polysaccharidzahlen sind nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal.
– Beim Chaga sind niedrige β-Glucanwerte normal – sehr hohe Angaben sind oft Fantasie oder methodische Tricks.
– GABA ist als Werbewort laut, als objektiver Qualitätsfaktor aber schwach.
– Und Laborzahlen sind nur so seriös wie die Methoden, mit denen sie erhoben wurden.
Am Ende geht es nicht darum, jedes Detail der Biochemie zu verstehen. Es reicht, die Grundlogik zu kennen: Welche Stoffe sind für den jeweiligen Pilz typisch – und sind sie im Produkt nachvollziehbar nachgewiesen?
Je klarer diese Fragen beantwortet sind, desto besser kannst du zwischen ehrlichen Pilzextrakten und reinem Marketing unterscheiden – und Heilpilze mit einem wirklich guten Gefühl in deinen Alltag integrieren.